Modebegriffe nutzen sich schnell ab und verkommen zur bloßen Worthülse, wenn der Inhalt nicht mit Sinn aufgeladen wird. Zum Beispiel „Shabby“ oder „Vintage“ oder „Retro“. Mit anderen Worten:  abgenutzte, alte und ausgediente Dinge werden wiederentdeckt, neu belebt, neu geliebt …  Aktuell werden Stilelemente der 50er, 60er und  70er Jahre stark nachgefragt..


Die  Nachahmungen der heutigen Zeit sind aus den meisten Wohnkonzepten schon fast nicht mehr wegzudenken und für Dominik Römer war derlei Begeisterung  lange Zeit nicht nachvollziehbar, bis er die Originale dieser Epoche genauer betrachtete. Die Qualitätsarbeit dahinter war es, die den 31jährigen faszinierte und er begann damit, die immer seltener werdenden Objekte  aufzuheben. In der Hildesheimer Oststadt hat er nun seinen eigenen Laden eröffnet und lädt mit  „Römer´s Raritäteneck“  zur nostalgischen Spritztour durch diese Jahrzehnte ein, wobei kleine Abstecher in noch frühere Zeiten nicht ausgeschlossen sind.


Gleich neben der Eingangstür erinnert mich ein  hellblaues Tretauto aus Blech daran, dass ich mir fast jedes Jahr ein ähnliches aus Kunststoff zum Geburtstag  gewünscht und doch nie bekommen habe. Die Reklametafel  daneben wirbt für die Zigarettenmarke „Juno“ und stammt aus jener Zeit, als noch öffentliche Werbung für Zigaretten erlaubt war.  

Beim Eintreten leuchtet mir ein beliebtes Sitzmöbel der späten Sechziger in schwungvollem Rot entgegen: der aus einem Stück gegossene „Pantone“-Stuhl. Haustiere durften in der durchsichtigen Halbkugel aus Plexiglas Platz nehmen.

Das Sideboard aus Teakholz, dazu passend Tisch und Stühle, bildet den sachlichen Kontrast.
„Skandinavischer Stil“ erklärt mir Dominik und ich stelle mit riesigem Bedauern fest, dass ich ähnliches Mobilar vor einigen Jahren entsorgt habe, weil ich das Design abscheulich fand. Für mich nur ein schwacher Trost zu hören, dass es ihm ganz ähnlich ging.

 

„Es war Liebe auf den zweiten, dritten oder eher noch vierten  Blick. Einfach alles aus dieser Zeit fand ich vor kurzem noch hässlich und habe es bei Entrümpelungen regelmäßig  in den Container geworfen.“

 


Heute sieht Dominik das ganz anders, denn bei den  Haushaltsauflösungen, die er zusammen mit seinem Bruder Maik durchführt, untersuchte er die Dinge aus der Nachkriegszeit einmal genau, verglich sie mit den Nachbauten im Handel und erkannte schließlich die hervorragende Qualität der Originale.

 

„Ich hielt nun immer öfter Ausschau nach Möbeln und Objekten aus dieser Zeit und fing an, sie wie wild zu sammeln.“

 

Doch wohin mit der Sammlung? Die Antwort auf diese Frage fand sich, als ein Nachmieter für die Räumlichkeiten des Eckladens zwischen Einumerstraße und Katharinenstraße gesucht wurde.  Das war schließlich die Initialzündung zur Eröffnung von „Römer´s Raritäteneck“ mit Schwerpunkt auf Stilmöbeln und Design aus den Fifities, Sixties und Seventies. Alles Originale ihrer Zeit. Hier herrscht nun ein fantastisch erfrischendes Durcheinander der Zeiten und erstaunt stelle ich fest, wie  Spuren auf der persönlichen Erinnerungslandkarte schon durch den ersten flüchtigen Eindruck berührt werden.


Einiges hat wohl Gültigkeit für die Ewigkeit. Evergreens wie die Murmeln etwa oder die farbenfrohen Glasarbeiten aus der italienischen Stadt Murano, die noch heute  ein beliebtes Mitbringsel aus dem Urlaub sind. Dekorativ. Zeitlos.




Manches hat man schon so oft gesehen und muss feststellen,  dass es doch recht schwer zu finden ist, wenn man danach sucht. Anderes hat bereits Seltenheitswert,  wie die „Diesella“, ein Moped aus den frühen Sechzigern.



Dass der gelernte Kinderpfleger seine Begeisterung für alte Stilmöbel und altes Design zu seinem Beruf machen würde, war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Bereits seine Eltern sind begeisterte und fachkundige Sammler antiker Schätze und haben ihm dadurch den Zugang zu  Schönem, Edlem und Seltenem eröffnet. Sie haben ihn und seine Geschwister zu Sammlerbörsen, Antik- und Trödelmärkten mitgenommen, wo er zum Beispiel ein Gespür dafür entwickelt hat, Originale von Kopien zu unterscheiden – was nicht immer ganz einfach ist.

 
„Außerdem habe ich früh die gute Qualität alter Materialien und solider Manufakturarbeit schätzen gelernt. Es hält einfach alles besser und länger.“

 



Und es ist noch mehr …
Es ist es ein  Stück neuerer Zeitgeschichte, die hier bewahrt wird. Kulturzeugnisse, welche für die meisten von uns noch handwarm sind, weil sie auf selbsterlebte Momente verweisen. Vielleicht auf die großen mit persönlichem Unvergesslichkeitswert, vielleicht auf die beiläufigen Momente,  denen man eine geringere Bedeutung beimaß. Das ist gewiss ein wenig sentimental. Auf jeden Fall aber ist es spannend.

Dominik Römer


Adresse                                                                                             
Römer´s Raritäteneck                                                                     
Katharinenstraße 9                                                                          
31134 Hildesheim
Fon: 0176 – 84079848

Öffnungszeiten
Do.+Fr. 9-12 Uhr und 15-18 Uhr
Sa. 9-12 Uhr

„Römer´s Raritäteneck“ – eine Fundgrube der Erinnerungen

Beitragsnavigation


Ein Gedanke zu „„Römer´s Raritäteneck“ – eine Fundgrube der Erinnerungen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*