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Foto: Karin Kaper

Die „East Side Gallery“ ist die Open-Air-Galerie am letzten und längsten erhaltenen Stück der Berliner Mauer  im Stadtteil Friedrichshain, längs des Spreeufers.  Mit Malereien und Graffitis haben internationale Kunstmaler vor 25 Jahren die besondere Stimmung der Wendezeit eingefangen.   Dadurch legt sie  ein authentisches Zeugnis ab vom Wandel politischer, kultureller und wirtschaftlicher Entscheidungen, steht als Symbol für Befreiung und als Mahnmal gegen Gewalt und Unterdrückung.
Mehrfach war sie  Gegenstand heißer Debatten und lautstarker Proteste, ihr Erhalt wurde leidenschaftlich von Demonstranten aus der ganzen Welt verteidigt , weil sie immer wieder durch  fortschreitende Demontierung durch Bauinvestoren bedroht war und immer noch ist. Das Fortbestehen der längsten Open-Air-Gallery der Welt bleibt unsicher, denn weitere Bauvorhaben sind geplant.
Fünf Jahre lang spürten die Dokumentarfilmer Karin Kaper und Dirk Szuszies der Geschichte der East-Side-Gallery nach, sprachen mit Akteuren, erfuhren Hintergründe und  waren Zeugen leidenschaftlich geführter Auseinandersetzungen um den Erhalt dieses Denkmals.
Seit Januar 2015 tourt der Film zur East-Side-Gallery nun durch die Deutschen Kinos, begleitet von den beiden Regisseuren, die sich den spontanen Fragen und Gedanken der Kinozuschauer stellen.

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Karin Kaper beim Dreh

The Story behind
Die East-Side-Gallery entstand 1990 aus der Idee, ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Bünde bildender Künstler aus Ost- und Westdeutschland zu schaffen. Viele der ehemaligen DDR-Künstler waren nach der Wende ohne Arbeit und Auftrag. Durch das  Projekt sollten neue Perspektiven eröffnet, Folgeaufträge generiert und eine Zusammenarbeit mit internationalen Kunst- und Kulturschaffenden angestoßen werden.
Während der Planung ihres Vorhabens entschieden sie sich für das etwa 1300 Meter lange Teilstück der einstigen innerdeutschen Grenze in Berlin, unweit des ehemaligen Todestreifens.
Sie luden Internationale Künstler ein, die auf den Mauerflächen  ihre Gedanken und Gefühle zu Bildern werden ließen. Mittels unterschiedlicher Techniken, Ausdrucksformen und Stile entfalteten sie die Dimensionen zwischen den Gegensätzen aus Starre und Veränderung, Einschluss und Ausschluss, Freiheit und Unfreiheit, Ausbruch und Verharren, Macht und Ohnmacht.

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Foto: Karin Kaper

Die Gallery wurde 1991 unter Denkmalschutz gestellt und gehört seitdem zu den rechtlich geschützten Kulturgütern, deren Erhalt und Pflege gesetzlich verankert sind. Beschädigung, Verfälschung oder gar Zerstörung werden auf dieser Grundlage strafrechtlich verfolgt. Dennoch wurde die Mauer beschädigt. Graffitis und Schmiereien ließen die Originale teilweise nicht mehr erkennen und durch den Teilabbau, wurden etliche der großformatigen Bilder zerstört und aus ihren Zusammenhängen gerissen.
Um der East-Side-Gallery zu einer Lobby als Kulturgut zu verhelfen, gründete sich 1996 die „Künstlerinitiative East Side Gallery e.V.“ – ein Verein,  der Mittel einwirbt, Info-Veranstaltungen und Führungen anbietet und sich um Erhalt und Sanierung bemüht.

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Foto: Karin Kaper

So konnten mit der Bereitstellung großzügiger Geldspenden durch Gesellschaften und Stiftungen zum 20. Jahrestag des Mauerfalls 2009 grundständige Sanierungs- und Restaurationsarbeiten beginnen.
Zeitgleich starteten Karin Kaper und Dirk Szuszies mit den Dreharbeiten zur Dokumentation.
Wie kam es eigentlich dazu?
„Zu Beginn des Jahres 2009 hat uns ein befreundeter Ingenieur darauf aufmerksam gemacht, dass das Sanierungs- und Rekonstruktionsprojekt keinerlei filmische Dokumentation hätte. Wir haben sofort mit der „Künstlerinitiative East Side Gallery e.V.“ Kontakt aufgenommen und waren von der ersten Sekunde an mit Begeisterung dabei“, erzählt Kaper.

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„Ein Projekt solcher Größenordnung nur zu zweit zu stemmen, da gehört schon viel Liebe zum Thema zu“
Das Filmprojekt bestritten Kaper und Szuszies vollständig aus eigenen finanziellen Mitteln, denn Bezuschussungen waren so kurzfristig nicht möglich. Die Kosten schossen in den mehrstelligen Bereich und umfangreiche amtliche Formalitäten bremsten Ideen und Schaffenslust aus, zehrten an Geldvorräten, sogen an den persönlichen Energievorräten.
Nicht nur einmal drohte das Ganze zu scheitern, bewegte sich der Mut gegen den Nullpunkt – dunkle Momente aus denen sie sich immer wieder aufs Neue gegenseitig heraushalfen.

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Foto: Karin Kaper

Hitzige Debatten und leidenschaftliche Proteste
Nach der Sanierung des Mauerwerks mussten die Originale teilweise oder gar  vollständig reproduziert werden. Nicht alle Künstler von damals konnten ausfindig gemacht werden und nicht alle wollten mitmachen. Einige weigerten sich, eine Replik ihres eigenen Kunstwerks zu schaffen und andere beklagten die Kommerzialisierung der East-Side-Gallery.
Ein weiterer Streitpunkt betraf die Verwendung der Mittel. Fast eine Million wurde für den Erhalt der Kunstwerke gestiftet und knapp die Hälfte davon sollte den Künstlern als Aufwandsentschädigung, Kost und Logis zufließen. Die intransparente Verwendung der bereitgestellten Mittel durch die federführende Entwicklungsgesellschaft wurde hinterfragt und Klarheit gefordert.
„Zweckentfremdung“, lauteten damals die Vorwürfe, „Ausbeutung der Künstler“.
Insgesamt verweigerten  neun Künstler ihre Teilnahme am Sanierungsprojekt.

Die Mauer muss weg!“
Die Mauer stand für das Zerschellen von Idealen an grauen Klötzen aus Stahlbeton, sie stand für den Tod der Menschen, die eine Flucht versuchten und sie stand für das Gerinnen der Sehnsucht nach Veränderung zur bleiernen Trägheit.
Aber sie ist auch Symbol der Hoffnung auf eine faire, durchlässige, selbstbestimmte Welt.
Eine gefühlt „bessere“ Welt.
Eine Welt, die es in dem einen Teil des Landes nicht gab.
Die Mauer ist weg, zumindest die stacheldrahtumwickelte Betonschlange mitten in Berlin mit ihren Wachtürmen und Selbstschussanlagen.

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„Die Mauer muss weg!“ – dachten sich auch die Investoren, die ein riesiges Veranstaltungszentrum gegenüber errichten ließen und größere Abschnitte des Galerie-Denkmals an abgelegene Stellen versetzten, um den Veranstaltungsbesuchern freien Blick auf die Spree zu ermöglichen.
Weitere Teile mussten für den Bau eines Luxuswohnparks weichen und ein Ende ist nicht abzusehen, da der Uferstreifen längs der Spree als Baugebiet ausgewiesen wurde.
Die Regisseure Kaper und Szuszies ließen auch die Stimmen der Künstler laut werden, deren Werke auf diese Weise „zerrissen“ wurden, wie das der Japanischen Malerin Kiku Miyatake.
„Es mußte weichen, um eine Zufahrt zu einem Speicher zu schaffen, der heute als Restaurant genutzt wird.“ berichtet Karin Kaper
„In der Zufahrt zum Speicher befindet sich nun eine kulturell besonders wichtige Berliner Currywurstbude…“
Die East -Side-Gallery gibt es also noch. Nur eben nicht mehr „am Stück“.

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Foto: Karin Kaper

Der Film ist ein Zeitdokument
Man kann die Kunstwerke der Gallery bewundern und hinterfragen, man kann sie mögen oder auch nicht. Begreifen wird man sie ohne ihren Gesamthintergrund weniger oder überhaupt nicht. Sogar Besucher, erfahren nur ein Teil des Ganzen, wenn sie nicht wissen, dass nach der Geschichte als Mauer, die Geschichte der East-Side-Gallery begann und mit ihr ein weiterer Zeitbezug des Begriffes „Freiheit“, der je nach Interessenlage und Lesart anders nuanciert und ausgelegt werden kann.
Auch darin liegt ein Beweggrund von Karin Kaper und Dirk Szuzies, die mit ihrer Dokumentation über das Sichtbare hinausweisen wollen, in dem sie den Schärfebereich in einen bislang schemenhaft gebliebenen Hintergrund hinein vergrößern.

 Links

Trailer
Site zum Film
Karin Kaper und Dirk Szuszies
Künstlerinitiative East-Side-Gallery e.V.

„Berlin East-Side-Gallery“ – zum Film von Karin Kaper und Dirk Szuszies

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